Atomkraft - nein, danke!
Artikel ausdruckenGeschrieben von Domi in Zeitgeschehen am 05.04.11
Fukushima. Fukushima? Fukushima! Fukushima. Ich muss mir das Wort erst mehrmals über die Zunge gleiten lassen, um zu merken, dass hier etwas geschehen zu sein scheint, dass sich im limbischen System mit jedem Aussprechen neu, anders anfühlt, mehr Bitterkeit gewinnt. Denn ja: Diese Katastrophe ist für mich eine, die mir wieder einen pessimistischeren Blick auf die ganze kapitalistische Welt aufzwingt.

1. Der Atomausstieg – von Fukushima her neu betrachtet
Das im Grunde Schlimme – die atomare Katastrophe – ist dabei eigentlich nur die eine Seite der Medaille der Finsternis, auf der anderen wartet die zweite, bittere: Die Informationslage. Was hat sich eigentlich seit dem Eisernen Vorhang verändert? Ok, wir haben mitbekommen, dass es in Japan ein Erdbeben gab. Und dass ein Kraftwerk etwas abbekommen hat… aber es muss erst Greenpeace hinreisen, um festzustellen, dass dort mehr Strahlung austritt, als bekanntgegeben. Transparenz? Null. Warum? Weil sich Firmen- (Tepco) und Systempolitik (Kommunismus) da kaum unterscheiden. Wo der eine den Kapitalismus vernichten will, will der andere maximalen Gewinn erzielen.
Im Nachhinein betrachtet: Leider… muss ich mich als (jetzt) ehemaliger Fan der Atomkraft outen: Kein CO²-Ausstoß, die sichersten Kraftwerke der Welt, ein Industriestaat ohne unmittelbare Feindgefahr, all das spricht dafür, dass in Deutschland eigentlich nichts passieren kann. Und da wir auch noch für unsere sicherheitstechnische Akribie bekannt sind, war ich eigentlich immer ganz zufrieden: Atomkraft – klar eine Gefahr, aber eine ungemein gut kontrollierte. Dabei muss ich mich immer wieder warnen: Fukushima zeigt nicht, dass eine gleichgeartete Katastrophe auch in Deutschland passieren kann, denn solche Erdbeben sind hier tatsächlich nicht möglich.
Es zeigt vielmehr: das Restrisiko verliert, so man es noch nicht mit eigenen Augen geschaut hat, an Bedeutung - und gewinnt sie erst bei unmittelbarer Gefahr wieder: Die Öffentlichkeit wird verdammt im Dunkeln gelassen, derzeit aber so ungemein viel radioaktives Wasser ins Meer gepumpt, dass ich vom Verzehr von Hochseefisch schon abzuraten geneigt bin. Auch weiterhin kann ich mir, ohne Experte zu sein, viel unter dem sogenannten “Rest” vorstellen: Verseuchung der japanischen Küste, nuklearer Fallout in Tokio – ein in letzter Zeit bei mir beliebtes Gedankenexperiment… Stell dir vor, du musst Tokio evakuieren: Auf eine so ungeheure, plötzlich flüchtende Menschenmasse wäre weder Japan noch die Welt vorbereitet… ich will das gar nicht weiterdenken – und die Konsequenzen für die Weltwirtschaft kann uns wohl nur Schebber vorrechnen. Das viertstärkste Exportland der Welt, auf die Bretter geschickt von der immernoch unkontrollierbaren Erdkugel, ist ein solcher Verlust überhaupt aufzufangen?
Aber weg von der Naturkatastrophe der Unschuld, hin zur Naturkatastrophe der Schuld. Denn Atomkraftwerke samt Restrisiko werden vom Menschen gebaut. Wie schrieb noch gestern jemand bei TP:
Einen Sechser im Lotto gibt es auch nur in der Relation 1: 137 Millionen mal. Aber es gibt ihn bekanntlich fast in jeder Woche, weil sich viele beteiligen. Das heißt: Je mehr AKW laufen, desto sicherer wird ein GAU oder Super-GAU. [] Parteifreund Günther Oettinger hat jetzt gesagt: “Japan war undenkbar.” Dann hat der EU-Kommissar eben nicht genug gedacht! Frank Schirrmacher in der FAZ: “Selbst die sichersten Atomkraftwerke der Welt sind nicht sicher.” Das ist jetzt wohl sicher.
Das ist ein entscheidender Gedanke. Wenn ich oben also schreibe „von Fukushima her neu betrachtet“, dann hat sich meine Betrachtungsweise geändert, weil ein einzelnes, verdammtes scheiß Atomkraftwerk havariert – und so das Meer verseucht wird, Städte evakuiert werden müssen und die Umgebung für die Nachwelt über Jahre hinweg nicht nutzbar sein wird. Hätte ich das vorher wissen können? Sicherlich. Habe ich vor den Bildern aus den Medien Angst? Nein. Ich habe Angst vor den Implikationen, die das Unglück mit sich führt. Der Golf von Mexiko und die Wirtschaftskrise sind gerade aus dem Bewusstsein verschwunden, da wird das Meer schon wieder verseucht und die Wirtschaft erlebt erneut einen harten Schlag.
2. Ökologische Richtungen und angeschrittene Pfade
Sind Alternativen denkbar? Zunächst mal affektiv herangegangen: Für mich selbst wäre es eine unheimliche Befreiung, in der Generation gewesen zu sein, die den Umstieg hin zu den regenerativen Energien geschafft hat. Diese ganze Atom- und Kohledebatte schwelt seit dem Bekanntwerden des Klimawandels in mir. Und warum dränge ich sie zurück? Weil ich als Einzelner und als Masse ja doch nichts verändern kann. Die Katastrophe hat daran nicht gedreht, aber sie hat die Politiker sensibilisiert. Und (das Positive im Negativen sehen) das kann eben doch dazu führen, dass tatsächlich auch mal etwas GUTES passiert.
Man kann über Windkraft diskutieren, sagen, dass aufgestellte Räder Landschaft und Meer schänden, muss aber auch die Alternativen abwägen. Gerade die offshore, also im Niemandsland gelegenen Windräder fallen sicher aus dieser Argumentation heraus. Und sie produzieren eine Menge Strom, genausoviel wie im Süden im Übrigen, wenn man sie dort nur 20 Meter höher stellt. Können wir überhaupt so viele Solarzellen und Windräder bauen, um Atomenergie und fossile Brennstoffe abzulösen. Dazu noch einmal der obige TP-Artikel zitiert:
Millionen Dächer stehen allein in Deutschland noch immer umsonst in der Gegend herum. Und wir holen teures Öl aus Arabien, Gas aus Sibirien und Uran aus Australien für jährlich etwa 80 Milliarden Euro hierher. Moderne Energieversorgung kann wesentlich intelligenter, preiswerter und umweltfreundlicher mit heimischer Energie organisiert werden. Allein die Sonne schickt uns theoretisch 15.000mal mehr Energie auf diese Erde, als alle Menschen zurzeit verbrauchen. Der Wind 308mal mehr und die Wellen- und Strömungsenergie 76mal mehr. Hinzu kommen die Wasserkraft, die Bioenergie und die Geothermie. Es fehlt nicht an erneuerbarer Energie, aber die Zeit wird im Angesicht des Klimawandels immer knapper.
Dass sie genug Energie liefern können, hat sicherlich niemand bezweifelt. Die umliegenden Kosten sind aber enorm: Speichermethoden müssen handhabbar gemacht, das Stromnetz muss ausgebaut werden. Aber ob sich das tatsächlich auf den Strompreis auswirken muss? Vater zumindest erzählt bei jeder Radioansage, die solches behauptet, ganz verschwörerisch gemahnend: Jaja, so wird die Masse darauf vorbereitet. Eigentlich sei Solarenergie (auch ohne Subventionierung) nicht teurer. Subventionierung, da war doch was? Zum Beispiel DAS. Oder DAS.
Meinerseits wäre ich natürlich dazu bereit, ebenso wie für gute Nahrung oder gute Kleidung, auch für „guten“ Strom gutes Geld zu bezahlen.* Ich sehe da das Problem nicht. Denn einerseits sagen zumindest die gerade genannten Quellen, dass es eigentlich keins gibt. Andererseits sind es mir die folgenden Generationen doch wert, tiefer in die Tasche zu greifen. Es ist eine scheiß kapitalistische Mentalität, bei allem die Preise abzuwägen und lieber das billigste als das beste zu kaufen.
Wie hieß es gestern noch?
2009 haben Ihnen die Verbände der Erneuerbaren Energien eine Studie überreicht, die aufzeigt, dass Deutschland bis 2020 bereits 47 % seines Stroms ökologisch erzeugen kann.
Bis 2020! Trassen-, Speicher-, Umspannausbau eingeschlossen! Wahnsinn. Perspektivisch. Fakt ist, wenn die Menschheit überleben will, muss sie etwas ändern. Die Energiediskussion nach Fukushima bietet jetzt eine historisch bis hierhin einmalige Gelegenheit (denn zu Tschernobyl-Zeiten haben noch die Alternativen gefehlt!).
3. Ökos sind konservativ, aber sind sie auch Heuchler?
Ökos? Das sind die mit langen Haaren, Bart und Brille, die ihr Leben lang nicht arbeiten, sondern nur philosophieren… Falsch. Das ökologische Bewusstsein hat bekanntlich die Mittelschicht erreicht, die jetzt öfter Bio- und Fairtrade-Produkte kauft als noch vor zehn Jahren. Tatsächlich sind sie aber konservativ geblieben. Denn was möchte denn das Grüne? Das Grüne erhalten! Und Erhalt von Errungenem ist ein konservativer Wert, kein liberaler.
Insofern kann ich vielleicht eine kleine Wende beobachten: Weg vom Fortschritt um jeden Preis, hin zum Erhalt des Bestehenden. Ich wiederhole: klein, winzig, langsam, aber in Tendenzen schon stetig vollzieht sich hier eine Wende, für deren Verbreiterung Fukushima Anlass, nicht Ursache ist. Und dieser Schritt in die richtige Richtung ist meiner Meinung nach jeder Kritik gegenüber erhaben.
Wie sehr schüttelt es mich, wenn ich auf der SZ-Website lese, dass Leute, die Bio-Lebensmittel, möglichste ohne Verpackung, kaufen, am nächsten Tag mit ihrem 270-PS-Porsche zum Altglascontainer fahren. Wir haben jahrzehntelang in die falsche Richtung geschaut, jetzt bahnt sich, auch mit dem ersten grünen Ministerpräsidenten vielleicht, endlich ein Wahrnehmen der umliegenden Gefahren seinen Weg, schon gibt es den ersten Atomlobbyisten, der meint, das alles doch sinnlos sei – und wir uns die Schritte in eine bessere Welt wie immer nur erheucheln.
Keine Frage, er hat Recht. Aber auch wieder nicht. Denn Johann Schoeman (so der Name des Autoren des gerade verlinkten Artikels) verkennt, dass das erheuchelte Umdenken ein Umdenken ist. Und das Reformen langsam vor sich gehen. Es gibt keine ökologische Revolution, nicht im Kapitalismus, aber es gibt Perspektivenwechsel, die sich langsam vollziehen. Gönnen wir jedem Chinesen ein Auto? Bekanntlich nicht, weil es für die Umwelt untragbar wäre. Aber entwickeln wir die Technologie schnell und entscheidend weiter, ist das Autofahren auch für Möng Chang aus China keine Frage der Ökologie mehr, sondern eine der Selbstverständlichkeit.
Ja, ich heuchle, wenn ich sage, die Menschheit hätte mit dem Atomausstieg in Deutschland etwas Finales erreicht. Aber das ist auch nicht das Ziel. Wie ich auf Folkas sarkastisches
Kann er nicht… und wenn in Frankreich ein AKW hochgeht sind wir genauso am Arsch…
schon antwortete, kommt es auch auf die Außenwahrnehmung, die Vorbildwirkung an. Natürlich darf ich nicht aus den Augen verlieren, was derzeit passiert: Die alten Kernkraftwerke sind abgeschaltet, dafür importieren wir Strom aus Atomreaktoren in Frankreich. Die Geste finde ich aber tragfähig und zukunftsorientiert. Früher hieß es: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, jetzt möchte ich vielleicht Teil einer Erwachsenenbewegung sein – und schaffe das womöglich, ohne mich zu bewegen.
Und um noch einmal auf Fukushima zurückzukommen: Ich kann gar nicht oft genug betonen, wie sehr mich einige Punkte aus Johannes’ Kommentar im Gästebuch
Davon abgesehen, dass ich die Atomkraft-Diskussion allgemein für richtig halte, aber der Grund, wie man hier jetzt dazu gekommen ist, ist absoluter Schwachsinn. Da zerstört mal eben das 5.(!)-stärkste Erdbeben der Geschichte viele Städte in Japan und lässt leider auch nicht die Finger vom AKW Fukushima und PLÖTZLICH kommen wieder alle aus ihren Löchern gekrochen und regen sich über die Atompolitik in Deutschland auf. Ist wieder die Sache mit den Äpfel und Birnen. Das Einzige, was hier in Deutschland für so eine Katastrophe sorgen könnte, wären höhere Gewalten wie z.B. ein Terroranschlag oder eklatante Sicherheitsmängel.
Und auch den Vergleich mit Tschernobyl kann man sich sparen, da die damalige Konstruktion des Reaktors in keiner Weise mit den heutigen deutschen Standards zu vergleichen ist. Das nebenbei auch noch im großen Maße gegen die Sicherheitsvorschriften verstoßen wurde sei hierbei auch nur am Rande erwähnt.
Zur Situation in Deutschland: Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, warum sich hier so echauffiert wird. Es findet doch ein totales Umdenken statt und man kann beinahe täglich in den Medien den Fortschritt der alternativen Energien begutachten. Habe leider keine genauen Zahlen im Kopf, aber der Prozent-Anteil der regenerativen Energien steigt doch von Tag zu Tag an und es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, bis die Werke in Deutschland abgeschaltet werden. Eventuell wird der ganze Prozess sogar mit einem möglichen Regierungswechsel bald beschleunigt.
Just my 2 cents.
gestört haben. Die deutschen Atomkraftwerke sind nämlich keinesfalls sicher – und „nur“ ein terroristischer Anschlag ist eben auch einer. Und der ist in Deutschland nach Amerika und England als nächstes fällig. Den Vergleich mit Tschernobyl kann man sich auch nicht sparen: Das Kraftwerk war nämlich eigentlich auch „sicher“. Merkwürdige Technikerentscheidungen, mal eben die Notkühlsysteme herunterzufahren (ergo: menschliches Versagen), kann man auch in Deutschland nicht per se verhindern. Er schreibt ja selbst, dass gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen wurde. Und das soll hier nicht möglich sein?
Ich glaube nicht, dass in Deutschland ein „totales Umdenken“ stattfand. Bis jetzt. Denn jetzt windet es sich tatsächlich aus den Wirrungen der kapitalistischen Moralwüste hervor. Und das unheilige Fukushima ist schuld; als Diskussionsanstoß war es eben nötig, dass auch die schwarz-konservativen Kräfte verstehen, was das Volk braucht. An dieser Stelle vielleicht noch angemerkt: Der Kurs von Angela Merkel, immer erst auf Gefahren zu reagieren, wenn sie tatsächlich akut werden, erweist sich derzeit als erstaunlich gangbarer Weg; es scheint mir fast so, als würde nun wirklich einmal das passieren, was das Volk will. Das mag nicht immer perspektivisch und vielleicht zu kurz gedacht sein; gerade, jetzt, hier und bei dieser Debatte scheint es aber Früchte zu tragen.
Es läuft noch einiges falsch: Das Internet hat vermuten lassen, dass eine solche Informationspolitik wie in Fukushima nicht mehr möglich wäre, ist sie aber. Und es müssen erst Katastrophen passieren, damit sich auch die, die am meisten am Reichtum kleben, zu den notwendigen Schritten entscheiden. Schmidt sagte mal: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Vielleicht hat sich die Vision von einer grünen Welt schon als untherapierbar erwiesen.
Fazit: Wir leben in einer schlechten Welt. Aber vielleicht nicht mehr so lange, wie einige unter uns (mich eingeschlossen) fürchten.
*Das ist an dieser Stelle heuchlerisch; ich wäre dazu bereit, stände ich schon im Geld. Da ich derzeit einfach zu wenig habe, bin ich natürlich sehr glücklich damit, dass es preiswerte, aber ungesunde Produkte überhaupt gibt.

Bisher 4 Kommentare
Die Kotzerne bräuchten nur die Kosten für die Entsorgung selbst zu tragen, und die ganze Diskussion wäre nichtig. Denn, dann gäbe es den sogenannten Atomstrom überhaupt gar nicht. Punkt.
Was für ein 270PS Porsche soll das denn sein? Seit wann schadet CO2 der Umwelt?
Guter Text, einseitige Quellen (tp)
Längerer Kommentar folgt im laufe des Tages!
In Fukushima geht’s übrigens immer noch ab, nicht dass jemand denkt: Aus den Augen, aus dem Sinn (zugegeben: ist ja auch noch nicht aus allen Medien verschwunden). Ist irgendwie arg witzlos, wie viel radioaktives Wasser da ins Meer gepumpt wird - ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass das folgenlos bleibt.
Ich hoffe, dass die CDU/FDP-Regierung nicht wieder wirtschaftszugewandt die Debatte aussitzt, sondern Nägel mit Köpfen macht und die Meiler in Deutschland abschaltet. Was passieren kann, wenn was passiert, haben wir ja jetzt zur Genüge erfahren.
Ich würde mich mal über einen Kommentar von Johannes freuen, ob er seine im Artikel zitierte Meinung, es wäre der falsche Anlass, über Sinn und Nutzen von Atomkraft zu debattieren, noch aufrecht erhält.
Mich würde vor allem der längere Kommentar von Sehb interessieren
.
Und Spiegel hat übrigens auch davon berichtet.
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