Ein Leben in Sinnen: Perspektiven
Artikel ausdruckenGeschrieben von Domi in Studium, Zeitgeschehen am 21.02.11
Im zweiten Teil dieser vierteiligen Serie geht’s um das Leben, das eigentlich ganz perspektivlos ist, so ich keinen Gott zulasse – und das in seinem gottlosen Zustand doch angenehm optimistisch, weil eben frei, besser: befreit, ist.
Alles Bewusstsein quillt aus einer Leere; und alles Bewusstsein mündet in eine Leere. So könnte man anfangen, so fange ich an. Denn alle Vorgeburtlichkeit und alles, was nach dem Tode kommen soll, ist zunächst erst einmal eines: zutiefst menschlich. Im Leben erfahrbar sind nämlich lediglich die Geburt (zumindest anderer) und der Tod selbst (zumindest anderer); und natürlich alles, was dazwischen passiert, weswegen der Mensch in meinen Augen auch außerhalb jeder Radikalität stehen sollte, denn nichts anderes ist er, als ein Wesen zwischen den gerade genannten Eckpunkten, immer im Grau des Lebens, im Dazwischen befindlich – dazu aber später (Teil 4) mehr.
An dieser Stelle ist erst einmal wichtig: Ich habe nicht unendlich viel Zeit, denn sie ist von vorn und hinten begrenzt und, viel wichtiger, mir steht nicht einmal der Raum zwischen den finalen Punkten frei zur Verfügung: Ich bewege mich nicht frei auf der Strecke, sondern bin immer durch die strenge Linearität des Lebens gebunden - von der Geburt weg, zum Tode hin. Ob die Zeit auf der zwischenliegenden Lebensspanne nun langsam oder schnell vergeht ist wichtig, aber nicht entscheidend, denn Kern bleibt: Sie vergeht.
Es gibt sie, diese Zeit zwischen dem Great Beyond und dem Great Before, ich (und nicht nur Ich) nenne sie Leben und lebe sie – und bin womöglich nur in ihr Ich und dieses Ich auch nur in dieser jetzigen Momentkugel und in jedem nächsten Augenblick schon nicht mehr ganz, sondern nur noch am Rande der Alte.
Und im Bewusstsein, dass ich nur jetzt Ich und ich mich nur mittels meiner eigenen Vergangenheit von den Leuten, mit denen ich mein Leben teile, unterscheide, knechten mich die Umstände: Was sind das für Leute mit denen ich lebe? Warum erfahre ich mich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Fragen, die notwendig aufgeworfen werden, sobald ich mir der großen Leere, in die ich geworfen bin, bewusst werde. Es gibt Indizien dafür, dass es eine Welt gibt, die auch ohne mich weiterexistiert, die also schon vor mir war und nach mir ist. Diese Welt bleibt mir aber verschlossen, da ich – zumindest glaubenslos - nie vor mir und nie nach mir lebe, sie besteht nur aus den Indizien, die ich in meiner Momentkugel wahrnehme und werte.
Was tue ich aber im Werten? Ich suche nach etwas, dass dem Ganzen einen Sinn gibt – und nicht nur dem Ganzen: auch den Teilen. So gesetzlos, wie sie reflexionslos sein könnte, ist die Welt dann nicht mehr: Sie hat Sinn, folgt Regeln und Gesetzen, die ich in mir bilde und in ihr wiedererkenne. Die Welt passt sich den Konzepten an, die ich mir von ihr mache; ich vereinfache sie so aber auch und denke sie radikaler, als sie ist. Das alte Sprachproblem: Eigentliches Verständnis gibt es nicht, nur ein Gefühl von Verständnis, das sich nur annähernd übertragen lässt.
Aber es ist mir eigen: Ich gebe der Welt Sinn. Ich muss der Welt Sinn geben, weil ich mit der großen Leere, die eine sinnlose Welt hätte, nicht klarkommen kann. Genauso wie ich mit der Ewigkeit umgehe: Es scheint unvorstellbar, dass wir in einer Ewigkeit leben, also teilen wir sie uns in kleine Abschnitte, die ihr so den Eindruck von Messbarkeit verleihen. Was sind schon eine Million Jahre? Nur eine Zahl, die man ganz gut speichern kann, ohne sich die Idee hinter so einer Zeitspanne stets vergegenwärtigen zu müssen.
Ich verstehe das als ein dem Menschen eigenes Konzept: Ich muss Sinn finden, weil ich in meiner Kugel ja etwas wert bin und es mir unvorstellbar scheint, dass dieses Sein außerhalb der Kugel keinen Wert hat. Der große Zoom-out aus dem Leben ist nie präsent: Mensch-Stadt-Kontinent-Planet-Sonnensystem-Milchstraße-Universum. Wo bin da noch ich? Und auch wenn ich von oben nicht zu sehen bin, bin ich für mich doch unheimlich wertvoll: Ja, meine ganze Welt dreht sich um mich. Ich bin Protagonist, ich handle, ich kann meiner Umgebung Sinn geben, sie werten und verändern. Genauso verändert die Umgebung mich: Die Sachen, denen ich Wert und Sinn gebe, sind mir wichtig, sie machen mich aus, sie können mich stürzen. Und das Nichts, in dem ich eigentlich handle, hat keinen Wert, weil alles um mich eben voller Sinn und Ziel ist – ohne die ich nicht auskommen kann.
Viktor Frankl, Erfinder und Begründer der Logotherapie, war der in meinen Augen größte Sinnesphilosoph, ein Fürst des Sinns sozusagen, der die Menschen mittels Sinn heilen wollte. Seine Weisheiten grob zusammengefasst: Die großen Lebenskrisen resultieren aus einer Sinnlosigkeit, die daraus entsteht, dass die Menschen ihren Sinn im Leben verlieren und sind dadurch zu heilen, wieder Sinn in die Leben zu führen. Der Mensch ist der große Sinnsucher, der sich über Liebe, Leiden und Werk definiert – und aus je einem von ihnen seinen momentanen Lebensimpuls zieht.
Ich würde sogar noch weitergehen und den Menschen als Sinnfinder bezeichnen. Denn der Mensch kann in alles und jedem einen Sinn finden – und aus ihm die nötige Lebenskraft ziehen, die ihn auf seinem Lebensweg voranführt. Alles, was er vermeiden will, ist die große Leere, die Sinnlosigkeit – und so erschafft er sich Sinn, kann den unwichtigsten Sachen Sinn geben und sie für sich nutzbar machen, nur um die ihm sonst unheimliche Freiheit des Dazwischens zu umgehen.
Als Beispiel sei hier das Computerspielen erwähnt: Augenscheinlich bringt es mir nichts, wenn ich bei Starcraft II meinen Gegner schlage oder nicht, ich gewinne dadurch keine Schlüsselqualifikationen oder Bildungspunkte, die mich im Leben weiterbringen. Was das Zocken aber macht: Es bringt mein Leben selbst weiter (einfacher: lässt Zeit vergehen und diese Zeit sinnvoll erscheinen). In den 20 Minuten eines Spiels habe ich ein klares Ziel: Ich muss die Gebäude meines Gegners vernichten. Diesem Ziel widme ich meine gesamte Aufmerksamkeit – sie motiviert mich. Ich habe von Punkt A (Start der Partie) bis Punkt B (Ende der Partie) ein klares Ziel, einen klaren Sinn vor Augen, der ausreicht, die folgenden 20 Minuten meiner Lebenszeit zu motivieren und – wenn man so will – sie zu ‘opfern’. Meiner Meinung nach wird hier der eigentliche Nutzen des menschlichen Willens zum Sinn geschickt verwertet – im Spiel habe ich klare Regeln und klare Ziele vor Augen, die im Leben nicht immer so eindeutig formuliert werden können, aber auch stets präsent sind.
Insofern ist das alte Schillerwort noch einmal ganz neu zu interpretieren: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Ja! Und warum? Weil er immer Sinn findet – und dieses Sinn-finden ist im Spiel natürlich ganz einfach und so: besonders motivierend. Im Spiel norde ich mich auf ein Ziel ein, richte mich.
Das ist Sinn nämlich in meinen Augen auch: Eine Gerichtetheit, eine Richtung, etwas das mich in eine Position drängt, mich von der Mitte abschweifen lässt und mir so die Unentschiedenheit, die Freiheit raubt. Ich kann nicht raus aus meiner Natur: Ich muss allem einen Sinn geben. Die Frage, die sich mir dann stellt, ist, ob diese Nur-Natürlichkeit, die in der Sinnsuche und Sinnfindung steckt, nicht vielleicht den eigentlichen Weg zur Wahrheit – so es so etwas gibt - verdeckt. Ist Sinn sinnvoll?
Dazu ein kleines Gedankenspiel: Ich stelle mir vor, der menschliche Körper und sein Bewusstsein wären komplett über Biologismen determiniert, irgendwann komplett beschreibbar und dessen Handlungen vorhersagbar. Das hieße, der Mensch wäre eine Maschine. Eine Maschine erfüllt immer einen Zweck, ergo gäbe es etwas, für das die Gerätschaft dient. Eine Maschine hat aber nicht nur einen Zweck, sondern auch einen, dem sie nutzt, dem sie Mittel ist, der sie erschaffen hat: Einen Gott, der mit dem Werkzeug ‘Evolution’ diese Maschine erschaffen hat. Sie hat also einen Zweck, ist gerichtet und in all ihrer Zeitlichkeit wird die Maschine irgendwann das Ziel erreichen, zu dem sie konstruiert wurde. Mit Teilhard de Chardin könnte man natürlich noch dagegen halten, dass dieses ferne Ziel nicht erreichbar ist, sondern in der Durchschreitung der Unendlichkeit der Zeit doch nur eine Umgebung um das Ziel erreicht werden kann. Er sagte, dass die Menschheit gegen Gott konvergent ist.
Ich mag von seinen Thesen halten, was ich will; eine Maschine Mensch bedeutet in jedem Fall eine Gerichtetheit. Und Gerichtetheit ist in meinen Augen vor allen Dingen eines: determiniert. Auch wenn das Ziel noch so fern ist, ich bin darauf gerichtet und kann mein Leben so nur innerhalb der Bahnen, die mir die Richtung gewährt, führen und lenken. Der Mensch ist dann nicht frei, er ist Knecht seiner Bestimmung. Und ohne die Perspektive auf maximale Freiheit ist das Leben für mich in all seiner Stimm- und Sinnigkeit nur pessimistisch zu sehen. Wie gesagt: Es geht um die Perspektive zur Freiheit – und die gibt es im Leben mit finalem Sinn nicht, weil es gerichtet ist und die Bahnen, in denen ich wirke, einengt.
Freilich hat heutzutage keineswegs jeder Mensch gleiche Chancen, es macht einen großen Unterschied für die ‘Selbstverwirklichung’ (was auch immer das ist), ob ich in Europa, Afrika oder Asien geboren werde. Allerdings stimmt die Perspektive: Die Möglichkeit zur Freiheit ist irgendwann da, nicht heute, nicht morgen, aber sie steht. Europäer waren vor 800 Jahren geknechtet und arm – warum sollte sich innerhalb der nächsten 800 Jahren nicht Ähnliches für die derzeit ausgebeuteten Staaten ergeben? Doch Genaueres dazu in Teil 4 dieser Serie.
Hier heißt es erstmal: Die Alternativen zur sinnvollen Welt abtasten. Und wenn ich Gerichtetheit loswerden will, bleibt nur die – mir als Menschen so fremde – Leere. Das Universum ist erst einmal da, jede Bewegung ihr eigenes Pragma, zuvorderst Tat an sich, ohne Sinn, ohne Wertung. Und in all ihrer Leere und ‘Ohn’sinnigkeit doch zutiefst befreit von den Zwängen der Gerichtetheit, also maximal frei, dem Spieler im Leben so jede mögliche Richtung offen. Das ohnsinnige Leben wäre so chancen- und perspektivenreicher, wenn auch für die Menschen (’sinn’)leer.
Vielleicht ist es also meine Natur, die mich dazu zwingt, hinter all den kleinen, Sinn habenden Dingen im Leben einen höheren Sinn zu vermuten, den es aber eigentlich nicht gibt – und dessen Existenz, weil sie eben nicht die maximale Freiheit ermöglichen würde, eigentlich pessimistisch.
Der Sinn des Lebens liegt so wohl nicht im Great Beyond vergraben, sondern vor meiner Nase: Die kleinen Binnensinne, die einzelne lineare Lebensabschnitte für mich wertvoll machen, sind es, die mein Leben voranführen, zu seinem irgendwann kommenden Abschluss führen. Ich als Mensch muss die Leere, in die ich geworfen werde, verdauen. Ich kann das nicht, also fülle ich sie mir mit so viel kleinen Sinnen, dass sie doch gar nicht mehr so leer erscheint. Der Sinn gehört aber mir – und nur mir –, ich kann ihn mit anderen teilen, aber sie erfahren ihn nie wie ich; es ist eben auch NUR Sinn – und nicht die Welt an sich. Das Universum ist leer und nicht voller Menschen – die Menschen bewohnen nur einen Teil – oder vielleicht in einem unendlichen Universum auch keinen – davon. Ich habe nur mein Universum, dass sich direkt vor mir erstreckt, nicht das Universum-an-sich als Wirkungsraum zur Verfügung – und weil es mir so wichtig erscheint, mache ich es mit den großen Fragen eben auch wichtig.
Sind die großen Antworten aber nötig? Nein, nur das Fragen ist natürlich. Die Antworten – so sie nicht leer sind – machen ein unendliches Universum nur kleiner, eben handlich, für mich als Menschen genießbar. Insofern sollte ich nicht vergessen: Wenn ich mir Gott wünsche, bin ich auch an ihn gekettet – und das ist doch irgendwie nicht so schön und all-eins wie es Gottberührungen erwarten lassen. Denn maximale Freiheit ist ein hohes – wenn nicht das höchste – Ideal, dass ich nur nach einer verdammt überzeugenden Argumentationskette seinerseits gegen einen Gott der Welt eintauschen würde.
Teil 1: Geschichte und Geschichten (14.02.2011)
Teil 2: Ein Leben in Sinnen: Perspektiven. (21.02.2011)
Teil 3: Ein Masseneffekt im Zeitalter der Drachen: Spielen. (28.02.2011)
Teil 4: Das Dazwischen: Richtungen. (07.03.2011)

Bisher 11 Kommentare
Mann, ich bin sprachlos!
Na, da hast du ja dem Dicken einiges voraus!
Obwohl, da fällt mir doch glatt eine Geschichte zu ein:
Weil Zeit ist, nimmt der Zen-Meister seinen Schüler mit zum Wasserfall. „Öffne deine Hand, und fang das Wasser!“, sagt der Meister. Der Schüler öffnet eine Hand, hält sie ins hinabstürzende Wasser und juchzt. Wassertropfen spritzen auf Meister und Schüler.
„Läuft’s?“, fragt der Meister.
„Jetzt nicht“, antwortet der Schüler. „Ich stehe Dazwischen.“
„Wie ohnsinnig.“, erwidert der Meister. „Komm, wir verschwinden.“
Was ein Blödsinn!
Großer Gott, nein! Das ist kompletter Unsinn!
Du verwirrst mich.
Pass auf, die Geschichte geht noch weiter:
„Was hast du gelernt?“, fragt der Meister auf dem Heimweg.
„Nichts“, antwortet der Schüler. „Aber ich erinnere mich.“
Der Meister wieder: „Man könnte also sagen: Du bist beeindruckt?“
Schüler: „Im Augenblick schon.“
Meister: „Mach dir nichts draus. Das vergeht.“
Laaannngggwwweeeiillllig!!! War das alles?
Natürlich nicht. Aber ich seh die beiden nicht mehr.
Nee, mal im Ernst, Grauer: Ein Leben ohne Sinn? Das macht doch überhaupt keinen Fez! Ich meine, stell dir vor, du hast die ganze Zeit vor Augen, dass du vergehst, dass deine Geschichte zur Geschichte wird, dass deine “Kugel” irgendwie davonkullert … das macht mir Angst.
Fürchte dich nicht, das macht deine Kugel kleiner!
Allerdings hat der Dicke schon eine gute Idee: Wenn alles keinen Sinn hat, dann geben wir ihm einen, wir können ja gar nicht anders. Die Idee mit der Ohn-Sinnigkeit ist ja im Grunde ein Zirkelschluss: Denk jetzt nicht an einen rosa Elefanten! Er sucht quasi den Sinn im Ohn-Sinn.
Ich tendiere eher zum Begriff “Unsinn”. Viele Menschen halten ja Spielen genau dafür: unsinnig, sinnlos. Schaut man aber tiefer in diese Begriffe, so haben diese schon etwas Mystisches: Die große Sinn-Losigkeit liegt jenseits der Sinne, also in einer Welt jenseits unserer körperlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Man könnte allerdings auch sagen: Dafür, dass die Leere leer ist, ist sie ganz schön voll. Und wer die Leere kennt, muss Lehrer werden, haha! Diese Leere dann aber mit Spiel zu füllen, scheint auch für mich die einzig passable Lösung. Mir geht da Schopenhauers Einleitung nicht mehr aus dem Kopf: “Die Welt ist meine Vorstellung” … eben nicht nur als Wahrnehmung, sondern als Schau-Spiel.
Ich bin gespannt, was er zum Spielen zu sagen hat. Lesen wir erstmal weiter.
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