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Ein Vegetarismus… …am Ende.

Artikel ausdruckenGeschrieben von Domi in Neuigkeiten am 25.11.10

Halt! Ja, ich bin tatsächlich kein Vegetarier mehr – und reihe mich damit in eine illustre Schlange von alten Freunden ein, die sich von Steve Krüger über Christian Herrmann und Daniel Wagner bis zu Sebastian Christoph zieht. Doch wie das? Im Artikel reflektiere ich ein paar Entscheidungen, die mich zum Vegetarier machten, ein paar Gründe, die mich einer bleiben ließen und die vermeintlich dumme Wette, die eins meiner langjährigen Lebensprinzipien verabschiedete.

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Ein etwas merkwürdiger Anfang

*Gähn* Viele Geschichten, die mein Leben prägten, starteten mit einer im Nachhinein reichlich wirren, besser: bekloppten Entscheidung, so auch diese. Bei den legendären Backfischtagen, als Sehb und ich die beste Phase unserer Pubertät durchmachten und mit gefühlten 10 Mädels in eine Jugendherberge gepfercht wurden, war ich zufällig auch gerade in eines von diesen Mädchen verliebt. Sie war Vegetarierin, ich nicht. Das änderte sich im Laufe dieses Wochenendes. Gebracht hat’s nichts. Wenn ich von heute darauf zurückblicke, ordne ich die Entscheidung aber als die richtige ein… Irgendwie scheint es beim Verliebtsein ja immer so zu sein, dass man seinen Gegenüber „ein wenig“ idealisiert und sich diesen Idealen annähert, eben weil man ihn bewundert. Und Vegetariersein ist ja – vom moralischen Standpunkt her – nun wirklich nicht das Schlechteste. Im Übrigen wurde bei diesen legendären Backfischtagen auch die Entscheidung getroffen, eine semilegendäre Rockband zu gründen, die in den Folgejahren den EE-Kreis aufmischte. Nun ja, zurück zum Thema.

Der krude und lange Weg durch die Ethik eines Vegetariers

Mein Vegetarismus stand damit auf ziemlich wackligen Füßen, gute Argumente dafür findet man aber immer – und muss dazu auch nicht besonders tief kramen.

Das wichtigste Argument pro Vegetarismus ist in meinen Augen immer noch das ethische. Es ist nicht richtig, Tiere zu essen, weil Menschen eben auch nur (andere) Tiere sind. Und die isst man ja in der Regel auch nicht. Das ist definitiv richtig, muss aber auch konsequent weiter gedacht werden. Der Fleisch genüsslich verzehrende Mensch sagt dann, dass Tiere ja nicht denken können und damit „unter“ dem Menschen stehen. Der Vegetarier entgegnet: Tiere können aber Schmerz empfinden und sind sich so zumindest des Schlachtprozesses sehr wohl bewusst.

Der Vegetarier entgegnet weiter: Stell dir vor, es landet ein Raumschiff, zwei Außerirdische entsteigen ihm, laden eine Horde Menschen ein und verzehren sie genüsslich. Darauf angesprochen, dass das ja wohl nicht anginge, entgegnen sie: Die Menschen sind doch erst auf Bewusstseinsstufe 3, wir dagegen auf Bewusstseinsstufe (n+1), die Menschen können ja noch nicht mal *sklortzen* (fiktiver außerirdischer Begriff, der einen höheren Bewusstseinsprozess als das Denken meint); darum können wir sie getrost verspeisen.

Klingt verdächtig nach dem Argument des Fleischessers. Fakt ist: Niemand möchte gern gegessen werden. Denkt der Vegetarier allerdings konsequent weiter, dürfte er eigentlich nichts essen, dass einen Schatten wirft, denn im Grunde erklärt er mit seinem Einsatz für Tiere und dem konsequenten Verzehr von Pflanzen letztere ja für weniger wert… Ok, die Außerirdischen führen mich offensichtlich nicht weiter, das wird in beiden Richtungen zum Totschlagargument (und ist damit auch irgendwie keins).

Eine kurze Anmerkung ist dennoch vonnöten. Der Mensch kann Fleisch verdauen, sein Metabolismus ist darauf angelegt. Er ist aber auch das einzige Wesen, das sich bewusst dagegen entscheiden kann, Fleisch zu verzehren, weil er vermutlich das einzige Stück Leben auf diesem Planeten ist, das sich selbst reflektieren kann. Und das tun zumindest Fleischesser äußerst selten, denn Fleischer (wie ich Fleischesser ab jetzt kurz nenne) kaufen sich im Supermarkt ein ästhetisch aufbereitetes Stück Schnitzel oder Wurst, das mit der Tierlende oder dem –darm nur noch sehr wenig zu tun. Er hat keine Chance, sich selbst einen Blick darauf zu gestatten, dass ein Tier für sein *naja* Essen tatsächlich gelitten hat.

Was mich wieder einen Schritt weiterführt. Denn das ethische Argument bezieht sich ja nicht nur darauf, dass man das Tier tötet, um es zu verspeisen, sondern auch darauf, dass das Tier (bspw. in Legebatterien) das ganze Leben über unter ausfallenden Federn und Horrorqualen leiden musste, nur um dem Menschen zu ersparen, 2€ für ein natürlich produziertes Ei zu zahlen – oder eben 15€ für ’nen Broiler. Das war für mich immer sehr wichtig. Fleisch essen AN SICH ist kein Problem, wenn das Tier nicht leiden musste und unter ethisch vertretbaren Haltebedingungen gehalten wurde. Das allerdings SIEHT MAN IM SUPERMARKT NICHT – oder doch: am Preis. Ein 6€-Schnitzel lässt sich nicht ethisch produzieren. Fakt.

Übrigens sagt man ja, dass es so viele Pesci-Vegetarier gibt, weil Fische eben nicht schreien können – und das Leiden nicht sicht- und hörbar gemacht werden kann. Ist zumindest besser als mein Argument (die ersten 2 – 5 Jahre [weiß nicht mehr] habe ich noch Fisch gegessen), bei dem ich – natürlich mit einem Augenzwinkern – auf die Frage, warum ich sie denn esse, stets aussagte: Fische sind für mich schwimmende Steine und keine Lebewesen.

Schließlich führte ich für mein Vegetariersein auch immer das Gesundheitsargument an: Das Bild vom Vegetarier, der einen saftig grünen Salat verspeist, ist eben wesentlich näher an einer Vorstellung von Gesundheit als der Fleischer, der sich sein Eisbein mit gehörig fetter Soße und einer dicken Portion Senf reindrückt. Im Endeffekt kenne ich die Faktenlage nicht – und bin auch zu faul, für einen sowieso subjektiven Dark2k-Artikel dafür zu recherchieren – und kann dazu nur sagen, dass Eriks Biolehrerin anmerkte, dass Vegetarier wohl auf ein paar wirklich wichtige Fette verzichten müssen, die eben nur in Fisch und Fleisch vorkommen. Der Körper ist eben AUCH auf Fleischverzehr ausgelegt, insofern ist das verständlich.

Ich habe bei mir vor allen Dingen bemerkt, dass ich häufig den Tag über sehr schlapp und müde war und eine Menge Schlaf (10 – 12h) brauchte, um einsatzfähig zu sein. Nun war ich aber auch nicht gerade der Vorzeigevegetarier, denn dem guten alten Salat (Anfertigung dauert zu lange) habe ich häufig das Käsebrötchen mit Gewürzketchup (mit äußerst schmackhaften Geschmacksverstärkern und Duftstoffen) vorgezogen, was nun wirklich nicht gesund sein kann – und sicherlich die fehlenden Nährstoffe aus dem Fleisch nicht nur nicht adäquat sondern schlicht GAR NICHT ersetzen kann.

Bevor ich hier zu weit in die Materie eindringe – ich wollte ja nur meine Argumentationsgänge und –muster ein wenig durchleuchten – bleibt das ethische - eigentlich das Totschlagargument, schlicht aus der Tatsache folgend, dass es verdammt nochmal wahr ist. Als bittere Note muss ihm aber angefügt werden, dass der Mensch eben nicht nur ein Meister des Geistes, sondern auch ein organischer Biologismus ist, der vielleicht Fleisch essen muss, um wirklich natürlich gesund und tatkräftig zu sein. Der Kompromiss ist dann wohl, Tiere ethisch korrekt zu halten, den Fleischverzehr zu reduzieren (damit auch jeder Mensch mal gutes Fleisch essen kann*) und den Preis zu erhöhen – das sollte man in Kauf zu nehmen bereit sein.

Ein reichlich merkwürdiges Ende

Bleibt noch zu klären, wie ich schließlich wieder zum Fleischer wurde. Und tatsächlich ist es (auf den ersten Blick zumindest) ein wenig spontan, ein wenig unsinnig, ein wenig bekloppt und ein bisschen viel durchdacht worden.

Schlicht und einfach: Ich bot meinem Vater eine Wette an, dass ich einen Tag in der Woche Fleisch esse, wenn er sich dafür reduziert und auch nur noch an einem Tag der Woche Fleisch isst. Vaters Antwort: „Kein Problem.“ *Schwupps* Und eine Woche später habe ich bei einem (zugegeben ziemlich leckeren) Karpfen meine zehn Jahre Vegetariertum hinter mir gelassen.

Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt, wieder Fleisch zu essen, einfach weil ich mit meiner körperlichen Schlappheit nicht zufrieden war – und sie auf die schlechte Ernährung zurückführte. Nun ist es durchaus möglich, sich als Vegetarier komplett gesund zu ernähren, allerdings kostet das sehr viel und die Zubereitung von Salaten ist nun mal arbeitsaufwendiger als das Kochen von Nudeln und – schlimmer – es kostet eine Menge Geld, nicht nur vegetarisch, sondern vegetarisch + gesund zu leben. Das Geld habe ich (derzeit) nicht und ziehe mir deshalb meine Nährstoffe direkt aus dem Stück Tier, das ich verspeise.

Das zweite Argument war – typisch für einen Mathematiker – schlicht arithmetisch: Wenn ich statt an sieben Tagen der Woche nur noch an sechsen Vegetarier wäre, Vater dagegen nur noch an einem der sieben Tagen der Woche Fleisch äße, dann hätte ich damit 12 Vegetariertage pro Woche durchgedrückt; eine Quote, die ich alleine nie hätte erreichen können. Insofern gewinnt die Welt irgendwie schon dabei – und man muss ein paar Schweine weniger züchten, die Vater in der Woche verzehrt.

Im Endeffekt bin ich bisher zufrieden mit der Entscheidung – ich fühle mich geistig irgendwie frischer, muss weniger schlafen und Vater rettet mit mir die Welt, indem er signifikant weniger Fleisch isst. Die Frische könnte natürlich auch davon kommen, dass der gesellschaftliche Druck von mir genommen ist – immerhin muss man ja außerhalb der Familie bei jedem Essen oder Bankett darüber sprechen, warum man denn kein Fleisch ist und ein paar Familienmitglieder haben auch bei jedem sonntäglichen Essen nochmal gesagt bekommen müssen, dass ich KEIN Fleisch esse. Das ist jetzt passé – und irgendwie auch gut so.

Als witzige Schlussanekdote muss ich noch bringen, dass Vater mit seiner Entscheidung jetzt auch mal durchmachen muss, was ich die Jahre über seinerseits ertragen musste (ok, Schadenfreude, ihr wisst ja…). Beim Gemeindetanzabend stellte er unsere kleine Wette vor, was dazu führte, dass plötzlich ALLE gegen ihn waren und ihn davon überzeugen wollten, es nicht zu tun. Laut Vaters Aussage kamen dann alle Gesprächspartner nach teils wütenden Argumentationen zu dem Schluss, sich demnächst ein Schwein zu halten und komplett zu verzehren. Naja… ich musste herzhaft lachen.

*An der Stelle nochmal kurz eingehakt: Wir können uns jederzeit Fleisch kaufen. Wir leben im zweitreichsten Land der Welt. Denkt man konsequent weiter, kommt man darauf, dass man unmöglich so viele Tiere züchten kann, dass jeder Mensch auch nur annähernd den Fleischkonsum eines Westeuropäers aufbringen kann – es gibt schlicht nicht genug Ackerfläche. Und da haben Pflanzen einen eindeutigen Vorteil: Auf der Fläche, auf der man 550t Rindfleisch „anbaut“, könnte man auch 22500t Kartoffeln anbauen – klingt imho nach wesentlich mehr. Aber Fleischer sind ja nicht so für Moralität – warum dem anderen etwas abgeben, wenn man sich auch selbst verzehren kann… oder so ;-)

Bildquelle: toonpool.com

Bisher 23 Kommentare

Sehb am 25. November 2010 um 21:31 Uhr

Fakt ist: Niemand möchte gern gegessen werden

1a.

Johannes am 25. November 2010 um 21:52 Uhr

Zunächst einmal schade, dass du nicht mehr zum vegetarischen Kreis gehörst. Andererseits ist es ja deine freie Entscheidung, welche du auch plausibel erklärt hast.

Aber: dein Argument

Ich habe bei mir vor allen Dingen bemerkt, dass ich häufig den Tag über sehr schlapp und müde war und eine Menge Schlaf

nehme ich dir irgendwie nicht ab. Denn das würde ja heißen, dass du in den letzten 10 Jahren täglich ‘’nicht richtig leben konntest'’, um es mal überspitzt zu formulieren. Wenn ich dann aber denke, dass du in dieser Zeit dein Abitur fabelhaft gemeistert hast, dein Zivi-Dienst, dein Studium (zwischendurch gearbeitet), dann wäre das in deinem ‘’müden und schlappen'’ Zustand eigentlich nicht möglich gewesen. Und immerhin treibst du auch öfters Sport, was auch viel Kraft kostet.

Ansonsten: schön, dass hier endlich mal wieder ein Artikel veröffentlicht wurde! ;-)

Mic am 26. November 2010 um 15:00 Uhr

Endlich. Die Pflanzen können aufatmen - ein Pflanzenfresser weniger.

Falco am 26. November 2010 um 15:15 Uhr

Domi, nächstes Wochenende machen wir erstmal n ordentliches Schlachtefest! =D

Alex am 30. November 2010 um 19:20 Uhr

auf nen guten schweinebraten verträgt man auch glatt 2 bier mehr, das wäre mein argument gewesen, aber ich bin ja kein vegetarier :)

Smoky one am 30. November 2010 um 21:16 Uhr

domi da gegen wa ma ein döner essen =)

Smoky one am 30. November 2010 um 21:17 Uhr

ich meine gehen

robina hood am 13. Januar 2011 um 22:55 Uhr

mich macht dieser artikel so unfassbar wütend.

Fleisch essen AN SICH ist kein Problem, wenn das Tier nicht leiden musste und unter ethisch vertretbaren Haltebedingungen gehalten wurde.

10 jahre lebt man mit dieser einstellung also vegetarisch um dann festzustellen, dass “pflanzen essen es einfach nicht sein kann” und man deswegen den abgekühlten weg in den allgemeinen ohnmachtszustand beschreitet, und alles nur, weil man KEINE LUST hat sich zu informieren und es sowieso viel zu anstrengend findet.
nicht umsonst belegen mehrere studien, dass fleischesser im schnitt deutlich kürzer leben als vegetarier und bei der ganzen chemie, die fleischesser so verzehren, ist das auch nicht weiter verwunderlich. sollten dir bestimmte stoffe fehlen, dann, weil du dich ungesund ernährst (und das wird sich wie gesagt nicht ändern, wenn du wieder fleisch isst; im gegenteil), aber am vegetarismus liegt das ganz und gar nicht. du bist schlichtweg zu bequem, dich gesund zu ernähren und da scheint dir der fleischverzehrt die richtige lösung zu sein. aber das ist nicht nur äußerst kurzsichtig, sondern schließt auch das leiden und töten von leidensfähigen individuen ein. deine erklärungsversuche scheitern auf ganzer linie und sind nichts anderes als schwache erklärungsversuche, eben diese bequemlichkeit dir nicht offen eingestehen zu müssen.
unglaublich………….

Domi am 14. Januar 2011 um 15:55 Uhr

Nun aber mal halblang. Du überliest mir da teilweise zu viel:

1. Ich esse einen Tag pro Woche Fleisch, genau wie mein Vater nach dieser Entscheidung, macht summa summarum 12 fleischfreie Tage pro Woche, was ein “echter” Vegetarier sicher nicht leisten kann.

2. Ist die Aussage, Fleisch sei pauschal ungesund, schlicht falsch. Und mein persönliches Wohlbefinden ist, obwohl es langsam wieder abrutscht, nach den ersten Fleischverzehrungen nach oben gesprungen.

3. Habe ich für ein gesundes Leben kein Geld. Das, das ich habe, stecke ich lieber in Bücher und Filme; kaufe mir lieber ein bisschen weniger Frisches und lieber mehr Altbackenes - die 1-2 geldlosen Jahre, die noch folgen, wird das gehen. Ab dann werde ich schon mehr Monatsbudget in Lebensmittel stecken (und dann sinds auch wieder LEBENSmittel und nicht Todmittel, oder wie man zweitrangige Nahrung so nennt).

4. Bin ich verdammt nochmal informiert - nur weil ich nicht ständig irgendwelche Studien zur Hand habe (du hast im Übrigen auch keine genannt), lese ich trotzdem monatlich 2-3 Zeitschriften über gesunde Ernährung - und glaube, dass ich mir wider den Studien ein paar ungesund, aber gesündere, wenn auch ethisch nicht ganz korrekte Jahre erlauben kann.

5. Ich hab’s zwar gern bequem, bin aber ganz gut in der Selbstreflexion. Mir da Bequemlichkeit zu unterstellen, ist zumindest dreimal zu hinterfragen.

Außerdem möchte ich mich in vollem Umfange bei dir entschuldigen, weil mein persönliches Schicksal offensichtlich doch in ein paar außerpersönliche Emotionsräume vordringt, die ich nur schütteln, nie aber explodieren lassen wollte. Danke für dein Statement.

robina hood am 14. Januar 2011 um 22:03 Uhr

Deine Entschuldigung ist lieb gemeint, aber ich finds an sich komisch sich für was zu entschuldigen, was man eigentlich nicht so recht nachvollziehen kann. ;)

Es mag wohl stimmen, dass je WENIGER man an Fleisch verzehrt, desto gesünder das auch fürs eigene Wohlbefinden ist, aber nicht umsonst wird Fleisch mittlerweile in den USA vom Komitee für verantwortungsvolle Medizin nicht mehr als „Grundnahrungsmittel“, sondern eben als „Genussmittel“ eingestuft. Dazu gibt es Unmengen an Quellen, von den Tierrechtsbüchern von Kaplan (auf die ich mich im Weiteren auch noch öfter beziehe) bis hin zu Fachartikeln aus Ernährungsratgebern.

http://www.fleisch-macht-krank.de/Fachartikel/Risiken_Fleischkonsum/Fleisch_Fachartikel_Risiken.htm

Es ist auch ne sonderbare Argumentationskette, einerseits „verdammt noch mal informiert!“ zu sein, was gesunde Ernährung angeht, andererseits aber einfach an der Behauptung festzuhalten, dass Fleisch generell nicht ungesund ist (und das eben selbst nicht mit Quellen zu untermalen, wobei ich auch nicht wüsste, wo diese Quellen herkommen sollten, denn mit der Schweinegrippe und dem Dioxinskandal könnten die Beispiele für eine Widerlegung nicht aktueller sein). Die British Medical Association hat festgestellt, dass „VegetarierInnen wesentlich seltener an Fettleibigkeit, Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck, Dickdarmerkrankungen sowie Krebs und Gallensteinen leiden“. Es gibt auch noch andere Untersuchungen, die das ganze ergänzen mit Osteoporose, Nierensteinen, Diabetes, Gicht, Arthritis, Blinddarmentzündung, Angina, Hämorrhoiden und Krampfadern.
Also wenn selbst das nicht als Argument reicht, dass du ohne Fleisch einfach ma wesentlich mehr und länger was von deinem Leben hast, dann möcht ich Bequemlichkeit und Reflexion gern mal definiert bekommen…

Und dass es Nährstoffe gibt, die einfach nur im Fleisch enthalten sind und es deshalb so unentbehrlich machen ist auch so nicht richtig, wir sprechen hier lediglich über Eiweiß, Calcium, Eisen und Vitamin D und B12 (wobei nahezu jeder Mensch an einem B12-Mangel leidet, ein Veganer merkts nur öfter mal beim Gesundheitscheck oder Blutbild).

http://www.veganissimo.vegan.de/band2/bereiche/ernaehrung.shtml

Dementsprechend ist „für gesunde Ernährung kein Geld zu haben“ direkt das nächste Argument als Rechtfertigung für die eigene Selbstgefälligkeit. Vor allem,dass es in 1, 2 Jahren, wenn die „geldlosen Jahre“ vorbei sind, schon irgendwie anders gemacht wird. Machst du das Leben, dass du moralisch mit deinem Gewissen vereinbaren könntest, von deinem finanziellen Reichtum abhängig?
Das gleiche ists mit dem Aufwand, den „der gute alte Salat“ so macht… hast du dir schon mal son veganes Kochbuch angeschaut?, 90% der Rezepte sind 1) total leicht nachzumachen und benötigen 2) definitiv nicht mehr finanziellen Aufwand als andere. Das Fleisch in der menschlichen Ernährung eine Notwendigkeit darstellt und allem anderen, was es so gibt haushoch überlegen ist, ist doch nichts weiter als das allgegenwärtige Märchen der Fleischindustrie, das irgendwie versucht wird am Leben zu erhalten.

Es ist schon sehr schade, dass der gesundheitlich motivierte Vegetarismus immer nur schick und angesagt und modern und halbwegs rational angesehn wird, der moralisch motivierte aber nach wie vor als sektiererhaft und irrational. Schade, weil ersteres doch eindeutig ein egoistisches Motiv ist und letzteres eben nicht. Das würde heißen, dass egoistische Motive die vernünftigeren sind und der Rest nur ein Indiz für Spinnerei, und man sich dementsprechend fragt, ob denn die Verhinderung von Leiden wenigstens auch gesund ist.

Was ich aus deinem Artikel noch aufgreifen wollte:

Als bittere Note muss ihm aber angefügt werden, dass der Mensch eben nicht nur ein Meister des Geistes, sondern auch ein organischer Biologismus ist, der vielleicht Fleisch essen muss, um wirklich natürlich gesund und tatkräftig zu sein.

Wenn man Biologismus bei Wikipedia nachliest, dann steht da, dass es zur Wirkungsweise eines Biologismus gehört, „tatsächlich gegebenes oder behauptetes Faktum der Natur zur Rechtfertigung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse zu benutzen“.
Dementsprechend sind biologische Wesensbestimmungen des Menschen doch total unsinnig, weil „biologisch“ gesehn ist der Mensch so vieles nicht, wenn, wie du sagst, auch kein Vegetarier
(was ich hiermit widerlegen möchte, wenn wir schon mal beim biologischen sind:
http://www.vegetarisch-leben.ch/kapitel1.html#c6
zum Beispiel auch kein Brillenträger oder Bücherleser. Biologisch gesehn sind wir nix als Steinzeitmenschen, seit jahrtausenden körperlich als Art absolut unverändert.
Aber seit der Steinzeit hat sich eben was geändert, die Menschen haben sich mit ihrem Umfeld verändert, man kann ne Brille tragen oder sich den Blinddarm entfernen lassen, und das scheint auch keinesfalls ein Widerspruch oder Problem zu sein. Die ganze menschliche Entwicklung seit der Steinzeit ist eben NICHT eine biologische, alles worin man sich heute vom Steinzeitmenschen unterscheidet, Brille tragen, Bücher lesen, Operationen durchführen, zählt doch eher in die kulturelle Entwicklung. Im Endeffekt sind wohl nicht die biologischen Grundlagen des Menschen wesentlich, sondern eher das was er daraus macht.. auch das ist von Kaplan.

Deswegen denk ich sollte man sich sehr wohl Gedanken machen über die Moral vom Vegetarier-sein oder -nicht-sein, der Tunnelblick ins eigene Ich ist dabei einfach nur ignorant und bringt einen dazu, sein Umfeld immer mehr auszublenden…

Andre am 14. Januar 2011 um 22:34 Uhr

Geil. Ich glaube hier haben sich zwei gefunden. Domi … mach sie fertig, ihr letzter Kommentar war länger als deiner.

schebber am 14. Januar 2011 um 22:50 Uhr

mhm ich bin ja der Meinung “Leben und Leben lassen”.

Wenn Domi eben den Weg zum Fleisch, zum Teil, wieder gefunden hat, ist es eben sein Bier.
Jetz kommt Frau Wood, vll wieder mit dem Satz:
“der Tunnelblick ins eigene Ich ist dabei einfach nur ignorant und bringt einen dazu, sein Umfeld immer mehr auszublenden… “

Jedoch gehört es nicht auch zur Natur des Menschen Toleranz zu üben?
Man sollte eben Menschen akzeptieren wie sie sind, auch wenn sie sich verändern. Es mag sein, dass Fleisch im Übermaß ungesund sei und es für einige moralisch nicht vertretbar sind, jedoch sollte man nicht übermäßig Kritik daran üben, warum, weshalb und welchen Überzeugungen.

Genauso wenig übt man keine übermäßige Kritik an andere Religionen und die, die das machen werden schnell als Rassisten dargestellt.

Krass gesagt, würde ich das Borniertheit nennen.

robina hood am 15. Januar 2011 um 01:00 Uhr

Es geht doch nur darum, mal auf ein paar Fakten aufmerksam zu machen, und die sind einfach mal,
1) dass Tiere auf Kosten anderer gequält werden,
2) man sich mit Fleischessen seine Gesundheit ruiniert,
3) die Umwelt zerstört wird und
4) wir Mitschuld tragen an Millionen von heutigen und zukünftigen Hungertoten.
Ich frag mich was falsch daran sein soll, gegen Dinge zu demonstrieren die man einfach nicht richtig findet, jeder Einzelne versucht sich doch zu wehren in Situationen, in denen man am Leben gehindert wird. All das wird in dem Moment total verkannt und die Tragweite Ausbeutung an Tieren ziemlich untergraben.

Und wo ist denn da der Zusammenhang zu den Religionen?, der himmelweite Unterschied ist dass gläubige Menschen wohl nicht auf Kosten von anderen leidensfähigen Lebewesen ihre Überzeugungen ausleben. Bin ich jetzt rassistisch, weil ich finde dass Toleranz gegenüber Andersdenkenden da aufhört, wo die Rechte von Dritten mit Füßen getreten werden?

Das du das mit Borniertheit vergleichst find ich jedenfalls echt schade, weil ich mich weder menschenverachtend geäußert noch sonst irgendwie rumgeschimpft hab, was würd ich mir auch selbst an die Karre pinkeln nur herzukommen um mich als intolerant denunzieren zu lassen… ich wollte einfach einen Gegenpol bilden. Wenn Menschen dann nicht bereit sind sich darauf einzulassen, sich zu belesen oder selbst von außen zu sehen, kann ich nichts tun als einen Eimer voll Enttäuschung hier auszukippen und es dabei zu belassen.

Domi am 15. Januar 2011 um 12:27 Uhr

Naja, ich fasse mich dann mal nicht kurz. Und ich finde es ziemlich dämlich von mir, mich für den Fleischverzehr einzusetzen, weil ich im Prinzip ja immernoch dagegen bin. Aber es ist schön, mal für mein subjektives Empfinden ein bisschen Fundament zusammenzugießen, insofern nochmals vielen Dank für deine anregenden Beiträge.

Im Grunde hat mein Prinzipienwechsel auch damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren zu der Einsicht gekommen bin, dass Radikalpositionen („Fleisch ist per se schlecht.“; „Alle Politiker sind schlecht.“) immer falsch sind (und ich bin mir der Ironie dieses Satzes bewusst), was schließlich dazu führt, ein bisschen *ähem* aufgeweicht zu wirken. Fleisch an sich ist meiner Meinung nach tatsächlich nicht ungesund; es gibt ja gefühlt unendlich Naturvölker, die sich hauptsächlich von Fleisch ernähren und bei denen sich das signifikant verstärkte Auftreten von Zivilisationskrankheiten nicht nachweisen lässt. Diese Studie, auf die sich die Kritiker von rotem Fleisch häufig beziehen, hat dann aus der Fleischerszene auch einige Reflexion erfahren.

Die Auswertung des „Bundesinstituts für Risikobewertung“ ist da schon mal nicht schlecht, die zwar besagter Studie Relevanz und methodische Richtigkeit beimisst, aber nicht immer die gleichen Schlüsse zieht und ein paar Zusatzinformationen heraussaugt, die gar nicht so fleischunfreundlich klingen, immerhin wird z.B. gesagt, dass „[w]eißes Fleisch […] in der Sinha-Studie sogar mit einer Senkung der Todesrate der 50 bis 71-Jährigen in dem untersuchten Zeitraum assoziiert“ ist. (S. 10) Insbesondere wurden bei der Studie scheinbar nur große Verzehrsmengen mit niedrigen Verzehrsmengen verglichen – der handelsübliche Vegetarier also nur implizit mitberücksichtigt. Tatsächlich stelle ich ja nicht in Abrede, dass übermäßiger Fleischverzehr alle möglichen Krankheiten hervorrufen kann, sage aber, das maßvoller ‘Genuss’ indes auch gesundheitsförderlich sein kann. Da fühle ich mich durch diese Auswertung durchaus bestätigt. (Siehe auch: Fleisch und Darmkrebs hängen nicht zusammen)

Dass du auf die Dioxin- und Schweinegrippe-Skandale eingehst, ist ok, aber den Beweiszusammenhang sehe ich nicht. Natürlich ist es ungesund, dioxinverseuchtes Fleisch zu essen, aber ich würde ja auch keine kontaminierten Pflanzen essen; was uns interessieren sollte, ist der Ur-Stoff dahinter, der eben nicht durch Kraftfutter oder -dünger aufgepäppelt wurde, um maximalen Geschmack und minimalen Nährstoffgehalt zu erzeugen. Und da findet man im Netz zwar häufig die Behauptung (und die Belegung erkenne ich in Teilen auch an), dass übermäßiger Rotfleischverzehr karzinogen wirkt, aber häufig auch die Feststellung, das weißes Fleisch seinen gesundheitlichen Nutzen hat.

Und hier schiebe ich mal eine kleine Quellenkritik ein: Seiten wie „veganissimo.vegan.de“ oder „www.fleisch-macht-krank.de“ machen auf mich nicht den Eindruck, besonders neutral über die Sache zu verhandeln – allerdings findet man auf der ‘anderen Seite’ außerhalb des oben zitierten Papers hauptsächlich Artikel von Metzgern oder – am Publikum orientierten – breiten Medien, die natürlich pro-fleisch-orientiert sind; und auch keine Neutralität wahren. Übrigens bringt dein ‘Fachartikel’ (zunächst dachte ich mir: Fachartikel? Ohne Quellen? Bis ich dann mal in die Links hineingeschaut habe, in denen körperliche Schäden aber auch oft ‘nur’ bei übermäßigem oder hauptsächlichem Fleischkonsum aufgezählt werden) mit Sätzen wie Bekanntlich gibt es einen epidemiologischen Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem Fleisch und dem Auftreten des Colorectal-Carzinoms. auch ein paar krasse Vereinfachungen, die in erster Linie wirksam, in zweiter Linie aber nur halbwahrheitlich sind.

Dass man seine Nährstoffe aus vielen Richtungen beziehen kann, erkenne ich natürlich an, war und bin aber noch nie ein besonderer Freund von Hülsenfrüchten gewesen, außer sie befinden sich geschickt verpackt in Salaten o.Ä. Da finde ich die These, dass der Körper einige Stoffe, die er nicht zugeführt bekommt, irgendwann wieder selbst zu produzieren lernt, sehr spannend – darüber bin ich auch schon gestolpert und finde das einigermaßen plausibel (wenn ich vom bakteriellen Milieu im Darm auch einfach überhaupt keine Ahnung habe). Trotzdem komme ich mit dem Halbsatz „[W]obei nahezu jeder Mensch an einem B12-Mangel leidet, ein Veganer merkts nur öfter mal beim Gesundheitscheck oder Blutbild“ nicht so richtig klarkomme – machen Veganer solche Checks denn öfter als Fleischverzehrer? (Wenn ja: Warum?) Außerdem: Wo hast du das her? Ich selbst war in meiner vegetarischen Frühphase tatsächlich mal zusammengebrochen und habe vom Arzt dann eine Vitaminspritze bekommen, nach der es mir wesentlich besser ging – aber das wäre mir bei der damaligen Ernährung wohl auch MIT Fleischverzehr passiert – trotzdem: Reflexionslos zu stillen ist das Nährstoffbedürfnis des Körpers nicht.

Es ist mir schon arg peinlich, aber wider der Veganissimo-Quellen hier dann mal ein Versuch der Gegenseite. Oder doch lieber Fleisch als Brot? Aber darum soll’s hier ja nicht gehen, Getreide ist schließlich auch nicht besonders grün. Ein Schritt zurück: Irgendwie scheint es bei der Rotfleisch-ist-karzinogen-Debatte auch um den Unterschied von ‘processed meat’ und unverarbeitetem Fleisch zu gehen, was bei deinen Quellen nicht ersichtlich wird. Aber auch die letzte von mir genannte, die mit ‘enjoy your good juicy steak’ endet, wirkt schon arg gerichtet.

Aber bevor das zum Aneinanderreihen von (fast) unreflektierten Quellen wird, springe ich gleich weiter zum nächsten Punkt. Und muss sagen: Meine eigene Ethik ist auch von meiner finanziellen Situierung abhängig (ganz im Brecht’schen Sinne: Erst das Fressen, dann die Moral). Zugegeben: Ich bin nicht der große Freund von umfangreichem Kochen, sondern schnappe mir die Nahrung, bei der der Zubereitungszeit/Geschmack/Gesundheit-Effekt für mich einigermaßen akzeptabel ist. Das läuft dann meistens darauf hinaus, dass ich mir ein paar Nudeln und Gemüse/Obst einwerfe, und abends zur Spurenmittelabsicherung ein Glas Sole trinke. Mir geht es allerdings auch nicht um die aus veganen Rezeptbüchern gewonnenen Nahrungsmittel (und nein, ich habe bewusst noch in überhaupt kein Rezeptbuch geschaut, halte vegane Rezepte in den meisten Fällen aber für schmackhafter als das Fleischäquivalent) sondern um die dahinterstehenden Rohstoffe. Dass man Fleisch nicht eins-zu-eins in Soja übersetzen sollte, ist mir nach dem Ausmaß der Regenwaldzerstörung in Brasilien durch Sojafelder klar. Aber auch das ethisch gewonnene Grüne ist teuer: Wenn ich statt des elterlichen Kühlschranks jede Woche die Biocompany plündern würde, dann gäbe ich 65% meines Monatsbudgets für adäquate Nahrung aus, was mir schlicht zu viel ist. Da steckt dann im Übrigen tatsächlich mehr finanzieller Aufwand dahinter.

Die Lügen der Industrie kaufe ich in der Regel sowieso nur da, wo ich zu faul bin, sie zu reflektieren. Aber der Fleischindustrie und ihrem Gesundheitsethos ist nicht zu trauen, da bin ich ganz deiner Meinung. Und das Fleisch notwendig ist, habe ich auch nie behauptet – oder nie so gemeint. Allerdings spricht für das Fleisch, das es der einfache, schnelle (,dunkle) Weg ist. Was Vegetarier auch zu leicht ausblenden: Seit mindestens 40.000 Jahren ist der Mensch ein Fleischfresser, Vegetarier bilden in der westlichen Welt einen Anteil von 1,5% an der Gesamtbevölkerung. Da zu behaupten, der Mensch wäre ein Pflanzenfresser, ist – nun ja – empirisch nicht so einfach zu belegen und – möglicherweise nur scheinbar – auch gut zu falsifizieren.

Ich bin bei deiner letzten Quelle (wenn die auch wieder arg gerichtet ist) sehr überrascht, weil ich mich erinnern kann, dass sich die Tabellen Mensch-als-Fleischfresser und Mensch-als-Pflanzenfresser früher, als ich das mal nachschlug, noch mehr geähnelt hatten. Aber die Eckzähne wurden dann irgendwann mal zum nicht so wichtigen Indiz für die Reißpower des Kiefers (braucht der zum Pflanzen mahlen wirklich so viel Kraft?) ausgeklammert. Da gehe ich mal mit.

Obwohl ich diese Darstellung des pflanzenverzehrenden Menschen doch sehr schätze, muss ich hier gleich mal in die Biologismus-Kultur-Debatte einsteigen. Erstmal: Ich habe im Artikel aus einer persönlichen und recht irrationalen (in erster Linie: hoffentlich nicht verallgemeinernden) Sicht im Fleischverzehr einen gewissen Vitalismus gesehen – solche Wortgruppen wie ‘gesund und tatkräftig’ in die Pro-Fleisch-Argumentation einzubeziehen ist – rational betrachtet – schon arg irrational (besser: dämlich). Aber es fühlt sich gut an. Weil dahinter ein Bild steckt: Der Stärkere siegt über den Schwächeren und nimmt seine Vitalkraft in sich auf. Ok, wirkt zurecht narzisstisch und nazistisch, nimmt aber auch die Lebensphilosophie beim Wort. Es ist mir trotzdem peinlich.

Ich weiß ja, dass seit Arnold Gehlen Kultur das Fehlen des Instinkts kompensiert, bin aber selbst der Meinung, dass hinter allem immernoch der Mensch als Tier steckt. Die Debatten der Masse gehen ja immernoch hauptsächlich darum, wo der nächste Fick wartet, wie die tägliche Arbeit verläuft, wie geil das letzte Essen geschmeckt hat, wie bieder das Wetter doch wieder ist und wo man sich das nächste Mal betäuben kann (im letzteren triumphiert der Biologismus über die Kultur, denn vor ihr will er sich da meiner Meinung nach ja verstecken – zumindest bei regelmäßiger Betäubung).

Hier wieder der selbstbezogene Blick ins Ich: Vom prinzipientreuen und selbstgesteuerten Idealismus über den endlich lebendigen peirce’schen Pragmatismus ist meine Lebenseinstellung derzeit eher zum Biologismus konvergent. Obwohl das ein krampfhafter, ständig durchschüttelter Weg ist, ist er akzeptabel. Der große finale Sinn des Lebens verkriecht sich in meinem Leben vor (richtig: nicht hinter) der poststrukturalistischen Tat, die man als solche zunächst hinnehmen muss und erst dann zielgerichtet reflektieren kann (dazu demnächst ein separater Artikel). Und ich nenne diese Perspektive optimistisch.

Aber da ich das in einem kurzen Kommentar nicht verständlich erklären kann, gehe ich gleich auf die Schlussfolgerungen ein, die ich eigentlich schon andeutete: Der Mensch ist kein Mängel- sondern ein Zwischenwesen, ein Zwischen-den-Positionen-Wesen auf Sinnsuche (oder besser: auf Sinnsetzung aus). Und im Dazwischen ist er dementsprechend am besten aufgehoben. Deshalb auch die Ablehnung von ethischen Radikalpositionen. Ich muss immer abwägen, wo sich Moralität und Mortalität kreuzen, wo das persönliche Wohlbefinden unter dem Druck einer ethischen Gerechtigkeit leidet. Und Ethik kommt primär aus der Kultur und ignoriert in meinen Augen einige biologische Bedürfnisse. Der Mensch mag nicht als Fleischfresser angelegt sein, er is(s)t aber nun mehr seit einer Menge Zeit Fleisch, eine Menge Generationen sind daran angepasst und geben neben diesem – im Übrigen auch kulturellen – Wert eine gewisse Nähe zum Fleisch weiter. Insofern hat die KULTurisierung ja nicht nur die Brille und die Extelligenz des Buches hervorgebracht, sondern auch schmackhafte Zubereitungsmethoden des Fleisches, letztere war aber in Teilen zuvor schon inwendig biologisch.

Eine gewisse Kultur scheint dem Biologischen an sich aber schon innezuwohnen. Denn nicht nur der Mensch hat solche geschaffen, sondern auch Ameisen, Termiten, Bienen – deren strenge Ordnung man schon als Kultürlichkeit akzeptieren kann. Und wenn die persönliche Sinnfindung ein dem menschlichen Biologismus (im Grunde habe ich das im Artikel gar nichts so theoretisch gemeint, sondern das eher als Neologismus für biologischer Organismus mit Implementierung der philosophischen Ismen gebrauchen wollen) eigenes Prinzip ist, dann ist es auch Kultur. Sinnfindung bedeutet in meinen Augen nichts Anderes als Ordnung schaffen. Und – ohne zu facettenreich hineinzuleuchten – sind Kultur und Zivilisationen ja gewisse Ordnungen, die sich aus der Kollektivsinnsuche aller Menschen welten.

Deshalb glaube ich, dass Kultur und Biologie des Menschen beide Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung sein sollten; und der gerichtete Mittelweg der bessere als der radikale ist. Der Biologie eines Lebewesens keine Wesentlichkeit beizumessen, halte ich für zu kurzsichtig, aber meine Positionen sind da in der Regel variabel. Wenn du mir Argumente liefern kannst, wieder ‘radikaler’ zu denken, immer her damit. Prinzipiell ist das Dazwischen nämlich deshalb so unverführerisch, weil es verdammt grau (zwischen weiß und schwarz eben) und leer (zwischen Materie und Antimaterie) ist, aber vielleicht bin auch nur ich in eben diese semineutrale Beobachterposition heideggerisch hineingeworfen.

Ich halte Vegetarier-sein für durchaus moralisch und in diesem Sinne richtig, diesen Weg für mich persönlich aber für den falschen, weil er zu radikal und einseitig ist – und den Biologismus dahinter übersieht. Irgendwie sind Radikalpositionen für mich eben hauptsächlich dazu da, einiges in Frage zu stellen und neu zu begründen, nicht aber, um sie ein Leben lang zu beziehen. Neben der kühlen Rationalität spielen da – so meine bisherige „Lebenserfahrung“ - eben doch mehr Dinge hinein als mein kahler Kopf vormals sehen wollte. Der Blick ins Ich ist trotzdem der am ehesten gangbare, denn jedwede Abstraktion führt aus einer Welt, die ich fühle, hinaus in eine Welt, die ich nur beschreiben (ergo: belügen) kann. Deshalb ist der Weg in die Innerlichkeit zwar selbstbezogen, aber als einziger ECHT erfahrbar. Jede Abstraktion führt dann nämlich in solche Sätze wie „man kann…“ oder „Der Mensch ist…“, die einfach zu schnell, zu abstrakt und zu gültig-sein-wollend sind, um wirkliche Geltung zu haben.

Natürlich darf man seine Umwelt nicht ausblenden, das Ich existiert ja nur, weil es auch ein Nicht-Ich gibt. Aber ich habe Angst davor, Dinge, die mich betreffen, auf Größeres zu verallgemeinern.

Ich sage, was ich denke. Ich sage nicht, was andere denken sollen. Andere können in der Interaktion mit mir eigene Positionen überdenken; ich will sie aber nicht in meine Position drängen. Die Position muss selbst-evident sein, ohne auf das Selbst angewiesen zu sein. Und da es eben keinen Sinn, sondern nur Sinnsuche gibt, gibt es solche vom Selbst autonomen Positionen gar nicht, wohl aber die Möglichkeit zur Konvergenz von Positionen – weswegen es zwar viele ähnliche Meinungen, nie aber die alles entscheidend richtige gibt.

P.S. Zu Schebbers Kommentar und deiner darauffolgenden Antwort schreibe ich mal nichts, obwohl ich dazu auch ein paar Standpunkte hätte, aber wir sollten uns nicht zu weit vom Thema entfernen.

P.P.S. A study published in the American Journal of Clinical Nutrition showed a dramatic difference between the heart-disease rates of populations in northern and southern India.9 The northerners were meat-eaters and had high cholesterol levels. Their main source of dietary fat was ghee (clarified butter). The southerners were vegetarians and had much lower cholesterol levels. Present-day ´wisdom´ would predict the vegetarians to have the lower rate of heart disease, but, in fact, the opposite was true. The vegetarians had 15 times the rate of heart disease when compared to their northern counterparts! What was the reason for this surprising difference? Aside from meat versus vegetables, the major dietary difference was that the southerners had replaced their traditional ghee (a real food) with margarine and refined, polyunsaturated vegetable oils. Twenty years later, the British medical journal the Lancet noted an increase in heart-attack deaths amongst the northern Indians.10 The northerners had also largely replaced the ghee in their diets with margarine and refined vegetable oils.
Fleisch, wie viel ist gesund?
Ein bisschen Fleisch schadet nicht
Stern-Artikel zum Thema
Focus-Artikel zum Thema
Der Konter zum Wikipedia-Artikel ;-)
Der kleine Gag zum Schluss

Schebber am 15. Januar 2011 um 13:05 Uhr

1. Borniertheit ist, wenn man nur seine Eigenen Standpunkte sieht und die anderen nicht anerkennt. Und in diesem Sinne bist du aus meiner Sicht borniert.

2. Religionen spielen sehr wohl auch eine Rolle und ja, ich bin der Meinung das man es gut damit vergleichen kann. Ich sehe da nur den Islam und das Judentum, wo Tiere ohne Betäubung (wie in Deutschland) ausgeblutet werden, das sogenannte Schächten. Ist das nicht eine besondere Tierquälung, es beim wachen Zustand langsam ausbluten zu lassen? Und das entspricht ihrem Glauben und Überzeugung. Und da leben sie ihre Religion aus, indem sie Tiere quälen.

3. Es mag sein, das Fleisch ungesund ist, zumindest im Übermaß. Es stimmt auch, das der übermäßige Fleischkonsum die Nahrungsmittelsituation in den 3.-Welt-Ländern verschärft, vor allem da in China und Indien immer mehr Fleisch verzehrt werden.
Dennoch esse ich Fleisch, auch mit dem Wissen.

Wenn man die Fakten auf den Tisch legt, ist das okay, aber bei dir kommt es mir so vor, als ob du alle Anderen zu Vegetariern machen willst, du aber nicht merkst, das es denen egal ist.

Schebber am 15. Januar 2011 um 13:21 Uhr

Aber ihr diskutiert ruhig weiter, denn inhaltlich könnt ihr für euch vielleicht eine Annäherung finden.

Sehb am 16. Januar 2011 um 12:06 Uhr

Ich weiß ja, dass seit Arnold Gehlen Kultur das Fehlen des Instinkts kompensiert

Ich hätte gern eine Zigarre und würde vor dem Kamin zu diesem Satz wissend und kommentierend “Ja, Ja. JA!” nicken.

Ich finde:

Einem Vegetarier erklären, wieso es für einen ok ist, Fleisch zu essen, ist ebenso sinnvoll, wie einem Fleischesser zu erzählen, wieso der Weg des Vegetariers richtig ist.
Beide kennen (meist) alle Argumente. Dennoch entscheidet man sich irgendwann für einen Weg - Punkt.

Ich finde auch Schebbers Religionen-Vergleich richtig - ICH glaube an keinen Gott und könnte darüber Texte über Texte schreiben, mich tot argumentieren… und es wird sich jemand finden, der mir das Gegenteil erzählt, der sagt, dass meine Welt leer ist, der auch argumentiert.

Letztendlich entscheidet man sich für einen Weg, der einem richtig erscheint.
Ich finde es, entschulgigung, einfach riesen Mist Fleischesser per se(?) bekehren zu wollen. Mit (maximal) 2% Vegetariern in der Bevölkerung ist das ein Kämpfen gegen Windmühlen. VIEL wichtiger ist der Schritt, etwas FÜR bessere Haltungsbedingungen zu tun und sie nicht radikal abschaffen zu wollen. Etwas FÜR bewusstere Ernährung zu tun, sich für etwas einsetzen, was das Leiden mildert und die Sache, ja…, einfach besser macht.

Jeder kann über Politik meckern, über Religionen, Fleischessen, Medien oder Medizin - alles jedoch zu 100% demonisieren, verneinen und aberkennen zu wollen, ist in einer globalen Welt wie heute jedoch, wiederrum entschuldigung, Schwachsinn.

Eine Analogie zu dem “Fleisch ist schlecht” ist z.B. “Die Steuern sind zu hoch!”. Argumente, Studien, Meinungen und Ansichten - alle werden alles belegen können. Doch nur Menschen, die akzeptieren, dass es in diesem System Steuern gibt, man jedoch etwas tun will, um diese zu senken, haben nach meiner Meinung Erfolg und KÖNNEN etwas verändern - und nicht die, die alles ändern wollen, ein neues System etablieren wollen und den Aufänger “Weg mit den Steuern (Fleisch) daherkommen.

Ich will keine Studien, die belegen, dass Fleisch essen gut oder schlecht ist.
Ich will Menschen, die akzeptieren, dass der (riesige) Großteil der Menschen Fleisch isst - diese Situation jedoch verbessern wollen.
Und das geht nicht mit frontaler “Was du machst, ist schlecht!”-Meinung, sondern mit Aufklärung. Oder Einsetzen für Verbesserung der derzeitigen Situation. Es sollte tolerant akzeptiert werden, dass man Fleisch isst, dass jeder selbst entscheidet, was er denkt. Es sollte jedoch daran gearbeitet werden, dass man eben keine Pute für 1€ kaufen kann oder sich Salami für 30Cent reinstopft.

Man kann einem Menschen nicht vorschreiben, was er essen oder trinken soll. Man kann ihm nur zeigen, WAS er da trinkt, WAS er da isst.
Und schon gar nicht kann man ihm sagen, dass das, was er da tut, falsch ist.

Fazit: Anerkennend sollte man sehen, dass die Welt global funktioniert und der Mensch heutzutage Fleisch isst. Dagegen sollte man, finde ich, nicht (mehr) ankämpfen. Lieber sollte Energie in bessere Lagebedingungen, bessere Qualität, Tierschutz und Transparenz investiert werden - nicht in radikale (utopische) “Schafft-den-Fleisch-Konsum-ab” - Überzeugungen.

Finde ich.

Sascha am 16. Januar 2011 um 12:42 Uhr

Zu sagen “Ja, dann essen halt alle Fleisch” und zugleich auf die Chance für “bessere Lagebedingungen, bessere Qualität, Tierschutz und Transparenz” zu hoffen, ist ja allerdings - auch angesichts einer immer weiter ansteigenden Weltbevölkerung - auch schon wieder eine mindestens genauso so große Utopie. Außerdem hat Vegetarismus in der Regel ja nicht viel mit “ankämpfen”, sondern bei vielen einfach etwas mit einer persönlichen Entscheidung zu tun. Die Bekehrer und böse guckenden Verächter von Fleischkonsum gingen mir ja auch schon immer auf den Sack.

Sehb am 16. Januar 2011 um 13:06 Uhr

Vegetarier und Veganer sind stille Revolutionäre - so seh ich das.
(Keine Wertung.)

John Veggieante am 18. Januar 2011 um 12:37 Uhr

Es kann sein das ich etwas überlesen habe.

Wie steht Ihr alle zum Fisch essen (ja oder nein)? Ich persönlich mache es nicht. Mal davon abgesehen, dass ich Fisch nicht mag.
Meiner Meinung nach, und da geben mir sicherlich einige Personen Recht, sind Fische auch Lebewesen. So dürfte man also als Vegetarier auch Würmer aller Art essen? Ich persönlich hab so ein kleines Lebewesen noch nie schreien gehört.

-würde sich sicher lustig anhören-

Julian am 18. Januar 2011 um 13:28 Uhr

Hallo.
Ich heiße Julian. Ich bin der Meinung, dass Fische keine Lebewesen sind. Schließlich haben sie keine Arme und keine Beine! … diese glitschigen Biester die!
Trotzdem bin ich FÜR Vegetarianismus!
Tschüss!

-ich hoffe, ich hab niemandem das Wort geklaut-

Domi am 28. November 2011 um 23:19 Uhr

Gute Ideen gibt es immer mehrmals ;-)

schebber am 28. November 2011 um 23:33 Uhr

Vielleicht ist die Katharina Rimpel heimlich Robina Hood ;-)

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